Unternehmen Jugendtraum – bald geht’s los

An dieser Stelle werde ich nun regelmäßig über mein neues “Projekt” berichten, die Ausbildung auf einer Schule für Erwachsenenbildung, wo ich hoffentlich in drei Jahren die Abiturprüfungen ablegen werde.

Was bewegt mich mit über 40 nochmal an’s Abi zu gehen? Der Hauptgrund dafür, es war mir leider in meiner regulären Schulzeit nicht vergönnt.

Aufgewachsen bin ich in Thüringen auf dem Lande. Bei uns gab es das dreigliedrige Schulsystem nicht, auch gab es nicht die Schullaufbahnempfehlungen wie sie hier üblich sind. Die Kinder die fit genug waren, gingen bis Klasse zehn zusammen zur Schule. Alle andere begannen nach der achten oder neunten Klasse ohne Abschluss eine einfache Berufsausbildung.

Ein elitäres Grüppchen unserer Klasse, welches schon Jahre vorher feststand, durfte dann nach Abschluss der 10. Klasse auf der EOS (Erweiterten Oberschule) noch zwei Abiturjahre anhängen, um später z. B. Lehrer/in oder Arzt/Ärztin zu werden.

Zu diesem elitären Grüppchen gehörte ich jedoch nicht, obwohl ich nicht viel lernen musste um gute und sehr gute Noten zu schreiben. Weitere Gründe waren, ich gehörte keiner vorbildlichen sozialistischen Familie an, meine Eltern waren beide in der Randpartei CDU. Solche Leute waren in der “Klasse der Intelligenz” nicht gerne gesehen.

Man plante sie nicht ein für intellektuelle Berufe. Vorbildlicher Sozialist musste man sein, im Idealfall der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) angehören. Jungen, die studieren wollten, mussten sich verpflichten, vorher mindestens drei Jahre lang dem Drill der Nationalen Volksarmee zu unterziehen. Wer das nicht tat, durfte schlichtweg nicht studieren.

Der Grad der Fremdbestimmung in dieser Diktatur ist heute fast nicht mehr nachzuvollziehen.

Es gab eine zentrale Berufsberatung wo unter anderem Vertreter der Ärzteschaft teilnahmen und Eltern und Jugendlichen diktierten, was diese(r) erlernen konnte und was nicht.

Ich durfte nach Auffassung der Ärztin, aufgrund der Tatsache, dass ich kurzsichtig war, keinen kaufmännischen Beruf ausüben und ebenso wenig studieren, weil dabei die Augen zu sehr belastet würden.

So kam für mich nur ein “Handwerk” in Frage. Ich weiß noch, dass mein/unser erster Plan war, Apothekerin zu werden. Doch dass mich die städtische Apotheke weil ich Brillenträgerin war, nicht genommen hat.

Die Schwere dieser Diskriminierung ist für mich heute unfassbar und schlichtweg nicht mehr in Worte zu fassen und so wurde ich genötigt einen Ausbildungsvertrag zur Diätköchin zu unterschreiben. Die Ausbildung fand auf einer Berufsfachschule statt, der praktische Teil in Krankenhäusern.

Der Notenschnitt in dieser Klasse ohne mich tendierte wohl irgendwo zwischen drei und vier. Ich muss ihn deutlich angehoben haben. Ich war auch sogleich abgestempelt, als Streberin, weil ich immer gute Noten bekam.

Im Rahmen meiner praktischen Arbeit musste ich in Erfurt in der Mensa der damaligen Pädagogischen Hochschule, Essen an die angehenden Lehrer ausgeben und erinnere mich als ob es gestern war, dass ich mich fehl am Platze gefühlt habe, völlig falsch, auf der falschen Seite des Tresens.

Ich habe mich nach dieser Ausbildung auch an meiner Arbeitsstelle nicht wohlgefühlt und habe etwas anderes begonnen. Ich habe mehrere Berufsausbildungen gemacht. Heute arbeite ich im vierten Beruf, als Webdesignerin. Ich übe gegen damaligen ärzlichen Rat einen Beruf aus, der die Augen belastet. Autofahren durfte ich laut Augenärztin, die heute noch immer praktiziert, damals auch nicht. Erst mit der Wende kam kam ein netter Chef einer Wiesbadener Privatschule für Erwachsenenbildung und bedeutete mir, einen Sehtest und den Führerschein zu machen.

Ich bestand den Sehtest und die Führerscheinprüfung und durfte Autofahren und genoss die neue Freiheit.

Und nun hole ich das Abitur nach. In den vergangen Jahren war es aus familiären Gründen immer irgendwie ungünstig. Heute gibt es keine Ausrede mehr. Ich mache das Abitur – nur für mich. Ob danach noch etwas kommt, das lasse ich noch offen.

Leicht wird es sicher nicht. Mein Schulabschluss ist nunmehr 28 Jahre alt. Ich werde fortan berichten.

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2 Antworten auf Unternehmen Jugendtraum – bald geht’s los

  1. Liebe Heike!

    Ich freue mich mit Blick auf Deine bisherige Ausbildungskarriere aufrichtig über Dein Vorhaben! Es ist jetzt der richtige Weg für Dich, du spürst das ja wahrscheinlich längst selbst!
    Aus ganz anderen Gründen als bei Dir war mein Werdegang auch eher zäh & holprig, daher kann ich einiges an Deinem “innerem Geschehen”nachvollziehen^^
    THUMBS UP!
    FL

  2. Pingback: Warum kein Abitur in der DDR? | Tausend Gedanken.de

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